Gallery Weekend Berlin
30 april - 2 may 2020


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Contemporary Crafts


For many years, Guido Geelen has cast all sorts of living and non-living things, transforming them into unusual metal and ceramic sculptures. His celadon-glazed clay slabs, stacked high and pierced with holes to receive flowers, are one of his many versions of the Delftware tulip vase – echoing the assimilation of Chinese porcelain by the seventeenth-century Dutch craze for tulips. Now they are museum-shop staples, often made in China.
 
It takes a lot of effort to get opinionated Venetian master glass-blowers to work in samurai discipline and Japanese minimalism. Ritsue Mishima literally wields the baton in these history-drenched workshops, coaxing them to embody her drawings as crystalline sculptures, massive yet filigree, which seem to trap the light. Fantasies of the lagoon come to life, achromatic and thus more poetic – a nudge back to the glory of Murano’s eleventh-century clear-glass origins. 
 
When a flowery digital scanogram meets the master weavers of Flanders, it evokes anachronist feelings, reviving the sixteenth-century millefleur tradition. You wouldn’t expect such a subtle tapestry from a Brazilian artist, but Luzia Simons does this intentionally as part of her abiding appropriation of tulips as a symbol of cultural transfer and her identity quest as an outsider. Don’t be fooled. Simons mounts a sophisticated form of critique as an emulator of European patterns. 
 
Contemporary crafts are at their best when beauty encounters some form of the bizarre, when manufacturing traditions are twisted to their core, when instead of echoing past eras it challenges us to fathom a new language with a familiar alphabet. Dutch tulip vases, Murano glass and Flemish tapestries are examples of artefacts that carry astounding cultural significance and have played a significant role in shaping taste in European art history, both among royalty and the bourgeoisie. These three artists prove that these art forms are still evolving. They are compelled to digest these deep-rooted traditions, to pursue new ways of reacting to and blending cultural references, inevitably transforming them into handcraft as an act of nonconformism. 

Aldonso Palacio

Contemporary Crafts


In vielen Jahren hat Guido Geelen seine Meisterschaft darin entwickelt, alle möglichen lebenden und nicht lebenden Dinge zu gießen und sie in ungewöhnliche Metall- und Keramikskulpturen zu verwandeln. Seine mit Seladon glasierten, aufeinander gestapelten Ton Hübel mit Löchern für Blumen, sind seine Interpretation der Delfter Tulpenvase. Sie sind eine Anspielung auf das historische Paradigma der Anpassung des chinesischen Porzellan Stils an den Wahn des holländischen Tulpenfiebers im 17. Jahrhundert.
Heute zählen sie zur Grundausstattung in vielen Museumsshops, meist made in China.
 
Es braucht eine Menge Überzeugungskraft, eigenwillige venezianische Glasmeister dazu zu bringen mit Samurai artiger Disziplin und japanischem Minimalismus zu arbeiten.
Ritsue Mishima führt in geschichtsträchtigen Werkstätten Venedigs dabei buchstäblich den Dirigentenstab, um ihre handgezeichneten Kreationen in kristalline Skulpturen zu verwandeln - massiv und doch filigran fangen sie das Licht ein. Fantasien von der Lagune werden lebendig. Ohne jegliche Farbe, doch umso poetischer - zurück zum Glanz von Muranos Klarglas-Ursprüngen aus dem elften Jahrhundert. 
 


Wenn ein blumiges digitales Scanogramm auf die Meisterweber von Flandern trifft, löst das anachronistische Gefühle aus. Die Tradition des Mille-Fleur-Stils aus dem 16. Jahrhundert wird lebendig. Von einer brasilianischen Künstlerin würde man subtile Wandteppiche in dieser europäischen Traditionslinie wohl kaum erwarten, aber Luzia Simons begibt sich absichtlich auf diesen Weg - als Teil ihrer beharrlichen Aneignung der Tulpe als Symbol für Kulturtransfer und Identitätssuche als Außenseiterin. Lassen Sie sich nicht täuschen. Simons ahmt europäische Muster nach, doch steckt dahinter auch eine raffinierte Form der Kritik. 
 
Zeitgenössisches Kunsthandwerk ist dann am besten, wenn Schönheit auf Skurrilität trifft, wenn Fertigungstraditionen geistreich hinterfragt werden, wenn es, statt vergangene Epochen nachzuahmen, uns herausfordert, eine neue Sprache mit einem vertrauten Alphabet zu ergründen. Holländische Tulpenvasen, italienische Muranogläser und flämische Wandteppiche sind Beispiele für Stücke, die in der europäischen Kunstgeschichte, ob königlich oder bürgerlich, eine erstaunliche kulturelle Bedeutung und geschmacksbildende Kraft haben. Diese drei Künstler beweisen, dass sich diese Kunstformen immer noch weiterentwickeln. Sie reagieren, indem sie neue Wege gehen, kulturelle Referenzen miteinander verschränken und die klassischen Muster in einem Akt des Nonkonformismus in das Kunsthandwerk zurückverwandeln. 

Aldonso Palacio


Luzia Simons, Mille Flores 2018, 295 x 150 cm (detail) sotton, wool, silk