CHARLOTTENWALK
19.06.2021

Galerienrundgang Charlottenburg - Wilmersdorf am 19.06.2021 von 12:00 - 18:00 Uhr

Contemporary Crafts


Zeitgenössisches Kunsthandwerk ist dann am besten, wenn Schönheit auf Skurrilität trifft, wenn Fertigungstraditionen geistreich hinterfragt werden, wenn es, statt vergangene Epochen nachzuahmen, uns herausfordert, eine neue Sprache mit einem vertrauten Alphabet zu ergründen. Holländische Tulpenvasen, italienische Muranogläser und flämische Wandteppiche sind Beispiele für Stücke, die in der europäischen Kunstgeschichte, ob königlich oder bürgerlich, eine erstaunliche kulturelle Bedeutung und geschmacksbildende Kraft haben. Diese drei Künstler beweisen, dass sich diese Kunstformen immer noch weiterentwickeln. Sie reagieren, indem sie neue Wege gehen, kulturelle Referenzen miteinander verschränken und die klassischen Muster in einem Akt des Nonkonformismus in das Kunsthandwerk zurückverwandeln. 



In vielen Jahren hat Guido Geelen seine Meisterschaft darin entwickelt, alle möglichen lebenden und nicht lebenden Dinge zu gießen und sie in ungewöhnliche Metall- und Keramikskulpturen zu verwandeln. Seine mit Seladon glasierten, aufeinander gestapelten Ton Hübel mit Löchern für Blumen, sind seine Interpretation der Delfter Tulpenvase. Sie sind eine Anspielung auf das historische Paradigma der Anpassung des chinesischen Porzellan Stils an den Wahn des holländischen Tulpenfiebers im 17. Jahrhundert.
Heute zählen sie zur Grundausstattung in vielen Museumsshops, meist made in China.
 


Es braucht eine Menge Überzeugungskraft, eigenwillige venezianische Glasmeister dazu zu bringen mit Samurai artiger Disziplin und japanischem Minimalismus zu arbeiten.
Ritsue Mishima führt in geschichtsträchtigen Werkstätten Venedigs dabei buchstäblich den Dirigentenstab, um ihre handgezeichneten Kreationen in kristalline Skulpturen zu verwandeln - massiv und doch filigran fangen sie das Licht ein. Fantasien von der Lagune werden lebendig. Ohne jegliche Farbe, doch umso poetischer - zurück zum Glanz von Muranos Klarglas-Ursprüngen aus dem elften Jahrhundert. 



Wenn ein blumiges digitales Scanogramm auf die Meisterweber von Flandern trifft, löst das anachronistische Gefühle aus. Die Tradition des Mille-Fleur-Stils aus dem 16. Jahrhundert wird lebendig. Von einer brasilianischen Künstlerin würde man subtile Wandteppiche in dieser europäischen Traditionslinie wohl kaum erwarten, aber Luzia Simons begibt sich absichtlich auf diesen Weg - als Teil ihrer beharrlichen Aneignung der Tulpe als Symbol für Kulturtransfer und Identitätssuche als Außenseiterin. Lassen Sie sich nicht täuschen. Simons ahmt europäische Muster nach, doch steckt dahinter auch eine raffinierte Form der Kritik. 


Ab 10 September

Heidi Kippenberg




Heidi Kippenberg
Andreas Sternweiler
Walter Lokau
Thimo te Duits
Graphic design: Berry van Gerwen
96 pp 17 x 24 cm 50 ills.
Swiss Binding
ISBN 978-3-89790-628-9
September 2021
 

Experiment & Klassizität – Heidi Kippenberg zum 80. Geburtstag

Einst war sie Schülerin eines Klassikers deutscher Keramik und ist Klassikerin selbst geworden: Heidi Kippenberg. Mitte der 1960er Jahre hatte sie bei Walter Popp studiert, dem legendären Lehrer an der Kasseler Kunsthochschule, dessen damals avantgardistisches Werk dem keramischen Gefäß neue Form- und Ausdrucksdimensionen erschloß. Heidi Kippenberg hatte die Gefäßästhetik Popps verinnerlicht, zugleich aber mit eigener, unverkennbarer Note sich anverwandelt: Kräftig gedrehte, starkwandige, mitunter montierte Steinzeuggefäße, angetan mit monochromen, dicken Glasuren und versehen mit zeichenartigen, kontrastierenden Glasurakzenten bestimmten ihr Werk. Spät ließ sie sich inspirieren von der Keramik Ostasiens, begann, Gefäße zu bauen, aus Platten zu montieren, Oberflächen lebendig zu strukturieren, in Dekorlandschaften zu verwandeln. Ein Œuvre aus mehr als einem halben Jahrhundert ist zu bewundern!