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Bernard Heesen

Bernard Heesen: Geschmacksverirrungen in Glas

Seit eh und je arbeitet Bernard Heesen (*1958) an einem Glasœuvre, dessen Ursprung in der allerersten Weltausstellung liegt, die 1851 in London stattfand. Die Vielfalt an Objekten, die im Rahmen dieser Aufsehen erregenden Schau zu sehen war, hat Heesen zu einem Bildvokabular inspiriert, mit dem er einen Platz sonder gleichen innerhalb der heutigen Glaskunst einnimmt. So bizarr wie farbenfroh schreien seine barocken Glasobjekte geradezu nach unserer Aufmerksamkeit, ziehen diese auf sich und stoßen uns mitunter doch zugleich ab. Wie niemand sonst weiß Bernard Heesen die ungeahnten Qualitäten des Kunsthandwerks des 19. Jahrhunderts – eines Jahrhunderts, das lange als die hässliche Zeit verrufen war – auszubeuten und in eine ganz und gar eigene Formgebung in Glas zu übersetzen.

Den jüngsten Beweis hierfür liefern die Glasobjekte, die er unter dem gemeinsamen Nenner der Geschmacksverirrungen präsentiert. Geliehen hat er sich den Begriff von dem deutschen Kunsthistoriker Gustav Edmund Pazaurek (1865-1935), der unter anderem für seine Publikationen zum Thema Glas bekannt ist, welche bis heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben. Auf dem musealen Terrain ist Pazaurek damit hervorgetreten, dass er im Landesgewerbemuseum in Stuttgart eine neue Präsentation des Kunsthandwerks realisiert hat, in der das Augenmerk ausschließlich auf Gegenständen von erlesen schlechtem Geschmack lag. Der Ausstellungsführer, der die Schau begleitete, trug den vielsagenden Titel Geschmacksverirrungen im Kunstgewerbe (1909). In seinem spannenden Text bietet Pazaurek eine nahezu endlose Reihe von Beispielen für schlechten Geschmack, unter anderem seine Manifestationen in der falschen Materialwahl. Zu den zahllosen Zeugnissen hierfür rechnet er Milchglas, das angewendet wird, um einem Gegenstand den Anschein zu verleihen, er sei aus Porzellan, aber auch kuriose Konterfeis, die unter Verwendung von Menschenhaar oder gar menschlichen Knochen angefertigt sind. „Fehler“ hinsichtlich der Funktion des Gegenstands bzw. der angewendeten Technik, wie etwa Pressglas, welches Schleifarbeiten suggeriert, subsumiert Pazaurek ebenfalls unter Geschmacksverirrungen. Der Ausstellungsführer zeigt deutlich das scharfe Auge und den analytischen Verstand des Autors für das Kunsthandwerk der Vergangenheit und seiner eigenen Zeit.

Dass die neuen Arbeiten von Bernard Heesen als Geschmacksverirrungen präsentiert werden, scheint einerseits als Ode an die hässliche Zeit gemeint und andererseits darauf zu verweisen, dass Bernard Heesen „seine Klassiker“ kennt. Pazaureks Veröffentlichungen sind deshalb auch ein Jahrhundert nach ihrem Erscheinen noch lesenswert, weil sie von einer überraschenden Sicht auf das Kunsthandwerk zeugen. Machen wir uns Pazaureks Kriterien für schlechten Geschmack zu Eigen und wenden sie auf Heesens neue Objekte an, so zeigt sich glücklicherweise, das diese nicht unter jene fallen. Glas bleibt bei Bernard Heesen Glas, ungeachtet der reichhaltigen Farbpalette und der Textur, die er der Glasmasse auferlegt. Obwohl seine Entwürfe über ihre Form auf Gebrauchsgegenstände verweisen, sind sie doch bewusst ihrer Funktion enthoben. Im Bereich des Möglichen bleibt eine andere Kategorie, die Pazaurek benennt: Gegenstände mit einer Erscheinungsform, die zu der Kunstform und dem guten Geschmack in Widerspruch steht. Doch auch hier passen die Kriterien nicht zu den neuen Arbeiten. Würde nämlich Pazaurek heute leben, so würde er das Werk von Bernard Heesen zweifellos dem guten Geschmack zuordnen und es als intelligente Übersetzung des Kunsthandwerks der hässlichen Zeit auffassen.

Titus M. Eliëns, Januar 2016

Bernard Heesen auf Artsy

Bernard Heesen auf Ocula